Jürgen Kisters (für KStA) – Ausstellung St. Theodor 2018*

Andreas Neff zeigt ungewöhnliche Fotografien in einer Ausstellung in der Kirche St. Theodor.

Vingst. Jeder fotografiert heutzutage, seit das mobile digitale Telefon ermöglicht, immer und überall ein Bild von der Welt zu machen. Das macht den geübten Fotografen ordentlich Konkurrenz, spornt sie allerdings um so mehr an, charakteristische Merkmale in fotografischen Blick auf die Welt herauszuarbeiten. Wie Andreas Neff, der in einer Ausstellung in der Kirche St. Theodor eine Auswahl seiner Landschafts- und Gebäudefotografien präsentiert. Besondere Farbkraft und Plastizität sind die spezifischen Qualitäten in den Fotoarbeiten des in Niederkassel lebenden Lichtbildners und IT-Spezialisten. Das will heißen: Neff will mit seinen Fotos eine Wirkung erreichen, die der Malerei gleichkommt. „Die Computerbearbeitung ist mein Pinsel,“ erklärt der gebürtige Kölner (Jahrgang 1967). Er betont allerdings, dass er ansonsten nicht manipulativ in die Bildmotive eingreift. „Nichts daran ist collagiert,“ sagt er. Da er immer wieder den weiten, oft wolkenprächtigen Himmel ins Bild bringt, gelingen ihm Wirkungen, die eine große Weite und damit ein verblüffendes Raumempfinden erzeugen. Das Gefühl, dass Hausfassaden, Zauntore und Bäume auf seinen Fotos „wie echt“ erscheinen, ist untrennbar verbunden mit dem Gefühl einer faszinierenden bildlichen Künstlichkeit. Die gewohnte Unterscheidung von Naturtreue und Künstlichkeit erscheint aufgehoben und irgendwie unwichtig geworden. Das Gelb eines Rapsfeldes wirkt ebenso bezaubernd real wie irreal. Und die Kirche könnte fraglos das Gebäude aus einer noch unbestimmten Zukunft sein. Das kann niemand so erlebt haben, denkt man, auch der Fotograf nicht. Und dennoch verweist es auf Erlebtes. Und so beleben die Betrachter dieses Foto und alle anderen unweigerlich mit ihrer Erinnerung. Damit verbunden ist wiederum die überraschende Erkenntnis, dass in jeder Erinnerung möglicherweise immer ein Stück Fantasie steckt.

Andreas Neffs Fotoarbeiten sind mit ihrem digital erzeugten Realismus Ausdruck einer postmodernen Mediengesellschaft, in der die Simulation von (Bild-)Wirklichkeiten zur Selbstverständlichkeit geworden ist. Realismus und surreale Irritation, dokumentarische Detailgenauigkeit und die Inszenierung eines Geheimnisses greifen in Andreas Neffs Bildwelten unauflösbar ineinander. Fraglos geht dieses Konzept über die traditionelle Fotografie hinaus. Während das Thema der Ausstellung „Heimat“ zunächst noch den Eindruck erweckt, wir stünden auf sicherem Boden, geraten wir tatsächlich atmosphärisch in einen seltsamen Zwischenbereich, in dem die reale Erfahrung von „Stadt, Land, Fluss“ nicht von ihrem Traum zu unterscheiden ist. Auch stellt sich die Frage, ob wir in unserem heutigen, von Medienbildern getränkten Lebensgefühl überhaupt noch Realität erleben oder immer nur Bilder. Doch muss man sich über die vertrackten Zusammenhänge von Realität und Simulation, tatsächlicher und simulierter Welt Gedanken machen, wenn man sich durch die Ausstellung bewegt? Oder reicht es nicht ganz einfach, sich dem Zauber und der Schönheit dieser Bilder hinzugeben.

St. Theodor, Burgstraße 42, geöffnet So 12-13 Uhr, 02. bis 22.04.2018.

*Dieser Artikel ist leider zugunsten der ArtCologne nicht im Kölner Stadt-Anzeiger erschienen